Introvertiert - was ist das? Wie zeigt sich das im Alltag?

Introvertierte Menschen suchen und brauchen weniger Kontakt zu anderen, als die meisten Menschen um sie herum.

In der Ratgeberliteratur und auf social media ranken sich um den Begriff ‚introvertiert‘ zahlreiche Merkmale und Mythen. Einerseits nachvollziehbar, denn ‚introvertiert‘ ist nicht gleich ‚introvertiert‘ – und: jeder Introvertierte hat sehr viele unterschiedliche und andere Facetten.

In diesem Blogbeitrag erfährst du, was aus wissenschaftlicher Perspektive als ‚spezifisch introvertiert‘ gelten kann – und was nicht.

Und welche Typen sich im Kontext von Introversion bilden lassen.

 

Inhalt

Was ist 'introvertiert'?

Was bedeutet ‚introvertiert‘? Oder: wer ist introvertiert?
Etymologisch geht Introversion (oder Introvertiertheit) auf die lateinischen
Begriffe intro (hinein) und vertere (wenden) zurück. Ursprünglich bezeichnet
der Begriff also etwas nach innen Gekehrtes, weniger auf die Kommunikation mit
dem Außen Gerichtetes.

Definition von 'introvertiert'?

In Gesprächen oder naturgemäß kurzen social media-Posts werden verschiedene mehr oder weniger treffende Merkmale und Eigenschaften aufgeführt. Die Folge: Es entsteht ein weitgehend unscharfes Bild von Introversion, das sich in der Vorstellung Einzelner durchaus unterscheiden kann.

In der Praxis ist daher zu berücksichtigen: introvertiert ‚ist‘ das, was jemand explizit oder implizit unter Introversion versteht. Für den Austausch untereinander kann es deshalb sehr hilfreich sein, sich über die eigenen Begriffsvorstellungen klar zu werden und sie zum Ausdruck zu bringen – um auf diese Weise eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen.

Aus diesem Grund steht im wissenschaftlichen Kontext stets zu Beginn die Begriffsklärung. Die Frage also: auf welche Definition von ‚Introversion‘ berufe ich mich? Welche liegt mir bei meinen Ausführungen zu Grunde?

Für eine systematische Annäherung an des Thema ‚Introversion‘ bieten sich hier die ‚Big Five der Persönlichkeit‘ an, dem wohl weltweit am meisten wissenschaftlich untersuchten Persönlichkeitsinventar.

Hier wird als ‚Extraversion‘ die Aktivität im Umgang mit Menschen erfasst. ‚Introvertiert‘ wäre demnach eine geringe Aktivität im Umgang mit Menschen.

Übrigens: es gibt es keinen Unterschied zwischen ‚introvertiert‘ und ‚intravertiert‘. Beide Begriffe
werden synonym verwendet. Gleiches gilt für ‚extrovertiert‘ und ‚extravertiert‘.

Introvertierte ziehen sich gerne zurück

Introversion im Kontext der Gesamtpersönlichkeit

Neben dem Persönlichkeitsfaktor ‚Extraversion‘ bieten die ‚Big Five der Persönlichkeit‘ einen sehr guten Gesamtüberblick über das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen. Darüber hinaus gibt das Modell Auskunft über die Persönlichkeitsfaktoren Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit (manchmal auch als ‚Offenheit für Neues‘ bezeichnet).

Wichtig zu wissen ist: diese fünf Persönlichkeitsfaktoren sind weitgehend voneinander unabhängig. D. h.: hohe oder geringe Ausprägungen in ‚Extraversion‘ – bzw. ‚Intraversion‘ – haben statistisch keine relevante Verbindung zu den anderen Faktoren. Diese können also jede mögliche Ausprägung aufweisen: hoch, gering oder mittig.

Und die sich daraus ergebenden zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten führen dann zu einer bunten Blumenwiese introvertierter Menschen.

Die Metafaktoren der Persönlichkeit

Neuere Forschungsarbeiten zeigen, dass sich die ‚Big Five‘ in zwei Metafaktoren der Persönlichkeit zusammenfassen lassen: Stabilität und Plastizität. Im Kontext von Introversion ist insbesondere ‚Plastizität‘ von Interesse, denn sie wird gebildet aus den Big Five-Faktoren ‚Extraversion‘ und ‚Offenheit für Neues‘:

  • ‚Extraversion‘ erfasst die Aktivität im Umgang mit Menschen
  • ‚Offenheit‘ die Aktivität im Umgang mit Theorien oder neuen Dingen

 

Was häufig übersehen wird: Introversion fokussiert also lediglich eine geringe Aktivität im Umgang mit Menschen. Im Umgang mit Wissen oder Dingen können sich Introvertierte durchaus aktiv und explorativ zeigen.

Gibt es verschiedene Typen von Introversion?

Typenbildungen entstehen oft durch Beobachtung und Sammlung verschiedener, häufig gemeinsam auftretender Merkmale durch Betroffene. Die daraus folgende unscharfe Konturierung ermöglicht es zwar zahlreichen Lesern, sich in den Beschreibungen wiederzufinden. Doch die Frage „Bin ich introvertiert?“ bleibt für viele Leser weitgehend offen.   

Weigehend konkrete Einschluss- oder Ausschlusskriterien für Introversion erlauben wissenschaftliche Herangehensweisen. Hier bieten sich zwei Zugangswege an:

  • Facetten innerhalb des Persönlichkeitsfaktors ‚Introversion‘ zu unterscheiden
  • Ausprägungen des Persönlichkeitsfaktors ‚Introversion‘ mit anderen Persönlichkeitsfaktoren in Verbindung zu bringen
Introvertierte brauchen viel Zeit für sich alleine

Unterschiede innerhalb von Introversion

In wissenschaftlichen Studien konnte gezeigt werden, dass sich der Big Five Faktor ‚Extraversion‘ im Wesentlichen in zwei Subfaktoren aufteilen lässt: Begeisterungsfähigkeit und Selbstbehauptung. Oder aus der gegenüberliegenden introvertierten Perspektive beschrieben: in Nüchternheit und Anpassung.

Manche Introvertierte neigen daher stärker zur Nüchternheit, andere mehr zur Anpassung. Zeigen sich beide Faktoren mit überdurchschnittlicher Ausprägung, mündet dies in sehr geringen Werten für ‚Extraversion‘.

Der ernste Introvertierte

Ein erster Typus von Introversion lässt sich aus dem Persönlichkeitsfaktor ‚Nüchternheit‘ ableiten. Solche Menschen gehen selten eigeninitiativ auf andere zu und geben wenig von sich preis. Sie denken gerne kritisch-konstruktiv und wirken dabei eher schweigsam und ernst. Eine ihrer Stärken ist es, auf wichtige Schwachstellen oder Gefahrenpunkte hinzuweisen.

Der zurückhaltende Introvertierte

Der Persönlichkeitsfaktor ‚Anpassung‘ führt zum zweiten Typus. Die Betreffenden bleiben gerne im Hintergrund und schätzen es, wenn andere die Führung übernehmen. Ihre Meinung halten sie gerne zurück und haben wenig Mühe damit, die Vorgaben anderer zu befolgen.

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Kombinationen mit anderen Persönlichkeitsfaktoren

Bleibt man innerhalb der Big Five-Persönlichkeitstheorie, dann gibt es noch vier weitere Faktoren, die in Kombination mit hoher Introversion auftreten können: ‚Neurotizismus‘, ‚Verträglichkeit‘, ‚Gewissenhaftigkeit‘ und ‚Offenheit für neue Erfahrungen‘. Da sie – wie gesagt – statistisch weitgehend unabhängig sind, können hier Introvertierte sowohl hohe als auch geringe Werte zeigen:

Der besorgte oder gelassene Introvertierte

Als ‚Neurotizismus‘ wird die emotionale Störbarkeit einer Person erfasst. Introversion kann in Kombination mit beiden Polen auftreten: in hohen Werten mit eher ängstlich-sensiblem Charakter, mit geringen Ausprägungen zeigen sich die Menschen eher belastbar und weniger schwingungsfähig.

Der durchsetzungsstarke oder nachgiebige Introvertierte

Innerhalb des Big Five-Faktors ‚Verträglichkeit‘ zeigen sich mit geringer Ausprägung Introvertierte, die ihre eigenen Wünsche Ziele auch gegen den Willen anderer durchsetzen – ggf. auch auf eher leise, überdauernde und oder auch passive Art. In hoher Ausprägung unterstützen sie im Sinne eines guten Supporters andere bei der Erreichung ihrer Ziele.

Der saloppe oder disziplinierte Introvertierte

Im Persönlichkeitsfaktor ‚Gewissenhaftigkeit‘ zeigen sich Unterschiede im Umgang mit Regeln und Ordnungen. Hier können sich Introvertierte sehr gewissenhaft und ordentlich zeigen – oder eher großzügig, kreativ oder chaotisch.

Der praxisorientierte oder intellektuelle Introvertierte

Der Big Five-Faktor ‚Offenheit‘ veranschaulicht, inwieweit Introvertierte eher praktisch-konkrete Interessen verfolgen oder an der Auseinandersetzung mit Theorien und intellektuellen Themen interessiert sind.

Introversion in den Interpersonalen Schemata

In dem Modell der’Interpersonalen Schemata‘ lässt sich ‚Introversion‘ in der Nähe von ‚Zurückhaltung‘ verorten: eher die Gemeinschaft mit anderen meidend – und tendenziell eher risikoscheu.

Manche Introvertierte neigen daher stärker zur Nüchternheit, andere mehr zur Anpassung. Zeigen sich beide Faktoren mit überdurchschnittlicher Ausprägung, mündet dies in sehr geringen Werten für ‚Extraversion‘.

Introvertiert. Merkmale von Introversion aus persönlichkeitstheoretischer Perspektive

Interpersonale Schemata

oder: wie du Beziehung lebst.

Nun auch im neuen permOt.

Nun auch im neuen permOt-Persönlichkeitsprofil: die Art, wie wir Beziehung leben. Die Interaktionalen Schemata

Fragen und Mythen zu Introversion

Viele häufig gestellte Fragen und Aussagen zum Thema ‚Introversion‘ betreffen also nicht das spezifisch Introvertierte, sondern beziehen sich auf Aspekte anderer Persönlichkeitsfaktoren, die weitgehend unabhängig von Introversion auftreten. Fragen wie

  • Sind Introvertierte empathischer?
  • Sind Introvertierte hochsensibel?
  • Sind Introvertierte intellektuell?

 

lassen sich also nur unter Heranziehung und Berücksichtigung anderer Persönlichkeitsfaktoren beantworten.

So wären bspw. bei der Frage nach Hochsensibilität neben geringen Werten für ‚Extraversion‘ unter anderem auch erhöhte Werte im Persönlichkeitsfaktor ‚Neurotizismus‘ zu erwarten.

Die Stärken der Introvertierten

Was sind die Stärken der Stillen? Die gibt es zweifelsohne – und zwar weitgehend ableitbar aus den individuellen Ausprägungen sowohl der beiden Subfaktoren von Introversion (Nüchternheit und Anpassung), als auch aus denen der anderen Persönlichkeitsfaktoren.

Doch wie immer hängt die Frage nach den individuellen Stärken vom jeweiligen Kontext ab. Die gleiche Eigenschaft kann sich in einer Situation als hilfreich und in einer anderen als hinderlich erweisen.

Eine Tätigkeit im Verkauf würde vermutlich von einem introvertierten Mitarbeiter sehr viel mehr Energie abverlangen als eine Tätigkeit im Backoffice. Umgekehrt würde eine extrovertierte Person im Kundenkontakt vermutlich aufblühen, wohingegen eine Tätigkeit im Backoffice rasch zu Langeweile und Frustration führen würde.

Ob ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal eine Stärke darstellt, ergibt sich stets aus der Situation.

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Der Persönlichkeitsprofiler
permOt

Wenn Sie gerade vor wichtigen Fragestellungen stehen.

Umfassend, aussagekräftig und wissenschaftlich fundiert.

Nicht ein Persönlichkeitsprofiler.

Sondern gleich acht.

 
 

Introvertiert: was kann man dagegen tun?

Zunächst einmal: Introvertiert zu sein ist keine Krankheit. Und bedarf auch keiner Änderung.

Wie bei jedem anderen Persönlichkeitsfaktor ist keine Ausprägung per se gut oder schlecht. Sondern sie birgt eigene Ressourcen, stellt vor eigene Herausforderungen und setzt eigene Grenzen.

Für Introvertierte gilt wie für jeden anderen Menschen auch: du bist gut so, wie du bist. Punkt.

Stellen Sie jedoch als Introvertierter fest – und auch dies gilt für alle anderen Persönlichkeitsfaktoren -, dass Sie

  • mit Ihrer aktuellen Lebensqualität nicht zufrieden sind
  • Sie beruflich oder privat Reibungen oder Konflikte erleben
  • Dass Sie unerfüllte Wünsche und Bedürfnisse beschäftigen
  • Oder die Anforderungen des Alltags gegenwärtig Ihre Möglichkeiten übersteigen

 

Dann kann es sich lohnen eine professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen. Und mit einer Fachperson zu reflektieren, inwieweit Ihre Introversion tatsächlich relevant sein könnte – oder ob und ggf. welche andere Aspekte zu Ihrer gegenwärtigen Unzufriedenheit beitragen.

Sind die Ursachen und Hintergründe geklärt, gibt es stets zwei große Stellschrauben, an denen Sie ganz individuell drehen können: eine betrifft Ihre Rahmenbedingungen. Die andere Ihr eigenes Verhalten und Erleben, an dem Sie gezielt arbeiten und sich  weiterentwickeln können. Und hier eignen sich insbesondere psychologische Gesprächsgruppen – denn genau hier lässt sich der Umgang mit Menschen spüren, reflektieren und üben.

Ausblick

Wenn Sie sich also die Frage stellen: „Wie introvertiert bin ich?“ dann finden Sie mit einfachen, im Netz und in der Ratgeberliteratur verfügbaren Angeboten eine erste Orientierung.

Steckt hinter Ihrer Frage mehr:

  • Möchten Sie das, was Sie aktuell erleben, besser verstehen?
  • Stehen bei Ihnen Entscheidungen an, bei denen Sie sich unsicher fühlen?
  • Möchten Sie sich mit Ihren Ressourcen besser kennen lernen?

 

Dann lohnt sich mit großer Wahrscheinlichkeit die Investition in einen professionellen Persönlichkeitstest.

Einen, der Ihnen nicht nur Auskunft gibt über Ihren introvertierten Anteile. Sondern über zahlreiche andere Persönlichkeitsfaktoren darüber hinaus.

Denn: Sie sind mehr als Ihre Introversion.

Viel mehr.

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Meine Blogbeiträge

Mein Name ist Dr. Brigitte Seiler

Als Psychologin mit langjähriger praktischer Erfahrung und großer Expertise im Bereich Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung berate ich Menschen bei ihren aktuellen Fragestellungen. Mein Spektrum reicht dabei von der psychotherapienahen Beratung bei Anzeichen von Depression oder Burnout bis hin zu Fragestellungen zur privaten oder beruflichen Weiterentwicklung.

Dr. phil. Brigitte Seiler. Kompetent und weltanschaulich offen. Viele Jahre Erfahrung in psychotherapeutischen und beratenden Kontexten.

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Publikationen

Denner, Liselotte / Ulrich Wehner / Brigitte Seiler / Annette Scheible (2020): Personbezogene pädagogische Professionalisierung – erste Befunde aus dem ppProfess-Projekt. In: Beck, Melanie / Lara Billion / Marei Fetzer / Melanie Huth / Victoria Möller / Anna-Marietha Vogler (Hrsg.): Multiperspektivische Analysen von Lehr-Lernprozessen Mathematikdidaktische, multimodale, digitale und konzeptionelle Ansätze. Münster u.a.: Waxmann-Verlag, S. 185-204 (Peer-review-Verfahren).

Seiler, B. (2019). Wirkfaktoren in Kunsttherapie und Kunstpädagogik: ein Vergleich. In: Kunst & Therapie. Zeitschrift für bildnerische Therapien. Jahresband (M. Wendlandt-Baumeister, K.-H. Mentzen, & P. Rech, Hrsg.). Köln: Claus Richter Verlag, S. 106-119.

Seiler, B. (2018). Wirkfaktoren menschlicher Veränderungsprozesse. Das ModiV in allgemeiner und kunstbezogener Beratung, Psychotherapie und Pädagogik. Wiesbaden: Springer.

Auszeichnungen

Trägerin des Wissenschaftspreis der Dr. Bertold Moos-Stiftung 2018