Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen alt
Aktualisiert am 6. Oktober 2026

Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen

Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention verständlich erklärt und ein Stufenmodell, das früher ansetzt

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz sind eine wachsende Herausforderung. Depressionen, Burnout oder Angststörungen zählen seit Jahren zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit.

Die Folge sind hohe Fehlzeiten, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und zunehmender Druck, oft auch Angst: für Mitarbeitende, ihre Angehörigen und ihr Umfeld ebenso wie für Unternehmen.

Was dabei oft übersehen wird: Psychische Erkrankungen entwickeln sich selten plötzlich. Sie entstehen schrittweise, und genau darin liegt die große Chance wirksamer Prävention.

In diesem Beitrag erfahren Sie, was die klassischen Präventionsstufen bedeuten, wo sie an ihre Grenzen stoßen und wie ein fünfstufiges Modell Menschen früher und passgenauer erreicht.

Sie lesen diesen Artikel, weil Sie selbst gerade stark belastet sind? → Direkt zu: Was Ihnen jetzt helfen kann

Inhalt

Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention: die klassischen Präventionsstufen

Im Gesundheitswesen werden üblicherweise drei Präventionsstufen unterschieden. Sie richten sich danach, wann eine Maßnahme ansetzt: bevor eine Erkrankung entsteht, wenn sie sich andeutet, oder wenn sie bereits besteht.

Primärprävention: Wissen vermitteln und Ressourcen stärken

Sie zielt darauf ab, Erkrankungen vorzubeugen, bevor sie entstehen, etwa durch Informationen zu Stress, Schlaf, Bewegung oder Entspannung und durch Kurse zur Stressbewältigung. Diese Angebote erreichen viele Menschen, bleiben jedoch meist allgemein und wenig individuell.

Sekundärprävention: früh erkennen und begleiten

Hier geht es darum, erste Anzeichen einer Belastung früh zu erkennen und gezielt zu unterstützen, bevor sich eine Erkrankung verfestigt. Immer mehr Unternehmen bieten dafür Einzelgespräche mit psychologischen Fachpersonen an. Je nach Qualifikation können dabei auch persönlichkeitsbezogene Aspekte berücksichtigt werden.

Überlastung von Pflegepersonal

Tertiärprävention: Stabilisierung und Rückfallprophylaxe

Sie richtet sich an Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen. Ziel ist, die Gesundheit zu stabilisieren, Folgeschäden zu begrenzen und Rückfällen vorzubeugen, etwa nach einem Klinik- oder Therapieaufenthalt oder bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Primärprävention Sekundärprävention Tertiärprävention
Zeitpunkt vor der Erkrankung bei ersten Anzeichen bei bestehender Erkrankung
Ziel Gesundheit erhalten Verfestigung verhindern Stabilisieren, Rückfall vermeiden
Beispiele Stressbewältigungskurse, Achtsamkeit, Information psychologische Beratung, Früherkennung Nachsorge, Wiedereingliederung

Beruflicher und privater Stress - gemeinsam wirksam

Wenn es um psychische Belastungen am Arbeitsplatz geht, stehen schnell hohe Arbeitslast, Zeitdruck oder Konflikte im Fokus. Doch auch private Belastungen wirken unmittelbar in den Arbeitsalltag hinein: finanzielle Sorgen, Einsamkeit, Beziehungskonflikte, Trennung, die Pflege von Angehörigen oder deren schwere Erkrankung.

Diese Belastungen kosten Kraft – Kraft, die im Berufsleben dann nicht mehr verfügbar ist. Gelingt es Betroffenen nicht, einen konstruktiven Umgang damit zu finden, mündet dies häufig in eine depressive Symptomatik. Das damit einhergehende Verhalten wirkt sich wiederum erheblich auf die Leistungsfähigkeit der Betroffenen aus: der Druck nimmt weiter zu und führt zu einer Abwärtsspirale, die lange unbemerkt bleibt.

Persönlichkeit als Schlüssel wirksamer Prävention

Wenn es um Mental Health geht, spielt neben äußeren Umständen die Persönlichkeit eine entscheidende Rolle:
Denn wie Menschen Situationen erleben und interpretieren, was sie innerlich bewegt und wie sie mit Herausforderungen umgehen: das unterscheidet sich deutlich.

Es ist also nicht allein die Situation, die belastet – sondern vor allem das, was sie für den Einzelnen bedeutet.
Wirksame Prävention psychischer Erkrankungen und damit auch das betriebliche Gesundheitsmanagement hat deshalb die individuelle Persönlichkeit, das persönliche Stressprofil und die gesamte Lebenssituation mit einzubeziehen.

Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen

Nadelöhr und Versorgungslücke: verfügbare Psychotherapieplätze

Zeigen sich deutliche psychische Symptome, ist der Hausarzt meist die erste Anlaufstelle. Spätestens bei anhaltender Belastung stellt sich die Frage nach Psychotherapie – und damit nach langen Wartezeiten. Denn viele Monate ohne adäquate Versorgung sind heute eher die Regel als die Ausnahme.

Für Betroffene bedeutet das: längere Leidenszeiten.
Für Unternehmen: vermeidbare Ausfälle und ein zunehmendes Risiko chronischer Verläufe.

Warum viele BGM-Angebote zu kurz greifen

Viele Betriebe engagieren sich bereits im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Doch häufig bleiben die Angebote auf allgemeine Primärprävention beschränkt. Individuelle, persönlichkeitsbezogene Unterstützung steht meist nur wenigen Mitarbeitenden oder größeren Unternehmen zur Verfügung.

Gerade in frühen oder mittleren Belastungsphasen fehlt damit ein entscheidendes Bindeglied zwischen Information, Beratung und Therapie.

Die Behandlung einer Depression hat die individuelle Persönlichkeit mit zu berücksichtigen

Zu meinem Blogbeitrag

Depression und Persönlichkeit: untrennbar verbunden

In diesem Blogbeitrag erfahren Sie, warum Depression persönlichkeitsabhängig ist und welche Rolle verschiedene Persönlichkeitfaktoren dabei spielen

Das Fünf-Stufen-Modell der Prävention psychischer Erkrankungen

Ein wirksames Präventionsangebot lässt sich sinnvoll in fünf Stufen gliedern. Mit jeder Stufe steigen der individuelle Belastungsgrad, der Bedarf an persönlicher Differenzierung und die Notwendigkeit fachlicher Begleitung. Das Modell eignet sich für Unternehmen, die ihr Präventionsangebot aufbauen, ebenso wie für Einzelne, die sich orientieren möchten.

Allgemeine Prävention

Auf dieser ersten Stufe stehen Informationsangebote, Kurse, Achtsamkeit, Bewegung, digitale Tools oder Gesundheitsförderprogramme. Ein Beispiel ist mein Kurs Persönlichkeitsbasiertes Stressmanagement.

Individualprävention

Hier rückt die Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Mithilfe geeigneter, standardisierter Persönlichkeitsverfahren erhalten Menschen ein differenziertes Bild ihrer emotionalen und motivationalen Muster. Daraus lassen sich konkrete, alltagstaugliche Präventionsansätze ableiten, ebenso wie Hinweise auf weiteren Unterstützungsbedarf.

Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen

Psychologische Beratung

Hier erhalten Menschen Raum, aktuelle berufliche oder persönliche Themen zu besprechen: Überlastung, Führungsfragen, Konflikte oder Orientierungsschwierigkeiten. Ziel ist Stärkung, Klärung und Entwicklung oder ein Abmildern erster Symptome.

Psychotherapienahe Beratung

Die vierte Stufe richtet sich an Menschen mit bereits spürbarem Belastungserleben, deren Beschwerden aber noch keine Psychotherapie erfordern oder die auf einen Therapieplatz warten. Sie bietet eine engere, fachlich fundierte Begleitung, kann stabilisieren und entlasten und so eine wichtige Versorgungslücke schließen.

Psychotherapie

Die fünfte Stufe erfolgt ausschließlich durch approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten außerhalb des Unternehmens. Sie wird ärztlich bzw. über die psychotherapeutische Sprechstunde eingeleitet.

Was Ihnen jetzt helfen kann

Vielleicht sind Sie auf diesen Artikel gestoßen, weil Sie selbst merken, dass Ihnen gerade vieles zu viel wird. Dann ist das die wichtigste Botschaft der Präventionsstufen: Sie müssen nicht warten, bis es ernst wird. Je früher Sie etwas für sich tun, desto leichter gelingt es meist.

Welcher Schritt passt, hängt davon ab, was Sie gerade brauchen:

Besser mit Stress umgehen

Gemeinsam mit anderen lernen Sie in acht Live-Online-Terminen Ihre persönlichen Stressmuster besser kennen und erarbeiten Strategien, die Sie im Alltag stärken können. Die Zertifizierung für den Krankenkassenzuschuss ist beantragt.

Die eigenen Muster verstehen

Das Persönlichkeitsprofil permOt gibt Ihnen Hinweise darauf, wie Sie unter Belastung typischerweise reagieren, über welche Ressourcen Sie verfügen und wie Sie Ihre Resilienz gezielt stärken können.

Austausch mit anderen

In der psychologischen Gesprächsgruppe online finden Sie einen geschützten Rahmen, in dem Sie sich verstanden fühlen und voneinander lernen.

Beratung

In der psychologischen Beratung schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation und klären, was Ihnen jetzt helfen kann. Den Anfang macht ein kostenfreies Kennenlerngespräch per Zoom.

Psychologische Beratung ersetzt keine Psychotherapie. Halten Ihre Beschwerden länger an oder schränken sie Ihren Alltag deutlich ein, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige Weg. Einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt Ihnen die Terminservicestelle unter 116117.

Wenn es Ihnen gerade sehr schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Im Notfall wählen Sie 112.

Interne und externe Präventionsangebote: Rahmenbedingungen und Schweigepflicht

Alle Angebote der ersten vier Präventionsstufen können sowohl durch unternehmensinterne Fachpersonen als auch durch externe Beratungs- und Präventionsdienste umgesetzt werden. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen bietet die Zusammenarbeit mit externen Anbietern eine flexible und qualitativ hochwertige Möglichkeit, Mitarbeitenden frühzeitig Unterstützung anzubieten.

Unabhängig davon, ob Präventionsangebote intern oder extern durchgeführt werden, ist es für deren Wirksamkeit und Akzeptanz entscheidend, dass die Schweigepflicht uneingeschränkt gewahrt bleibt. Arbeitgeber sind hierfür in besonderer Weise in der Verantwortung und haben entsprechende organisatorische und strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Nur wenn Mitarbeitende darauf vertrauen können, dass persönliche Inhalte vertraulich behandelt und nicht an das Unternehmen zurückgemeldet werden, können Präventions- und Beratungsangebote ihre volle Wirkung entfalten.

Psychotherapie auf der fünften Stufe wird ärztlich verordnet und erfolgt grundsätzlich extern in den Räumen niedergelassener Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.

Vorteile eines mehrstufigen Präventionskonzepts für Unternehmen

Ein mehrstufiges Präventionskonzept hat zahlreiche Vorteile:

  • es ermöglicht eine bedarfsgerechte Versorgung
  • sichert frühzeitige Unterstützung
  • reduziert Fehlzeiten und Ausfälle
  • stärkt Leistungsfähigkeit und Bindung
  • verbessert die Arbeitgeberattraktivität
  • und signalisiert echte Verantwortung für psychische Gesundheit.

 

Für die erste Stufe gibt es zudem eine attraktive Fördermöglichkeit: Zertifizierte Präventionskurse können Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden mit bis zu 600 € pro Person und Jahr steuer- und sozialversicherungsfrei finanzieren. Für meinen Kurs Persönlichkeitsbasiertes Stressmanagement ist die Zertifizierung beantragt.

Meine Empfehlung: Wirksame Prävention für Unternehmen und Mitarbeitende

Die Investition in differenzierte Prävention psychischer Erkrankungen zahlt sich aus: für Unternehmen, für Mitarbeitende und für deren Familien.

Vor allem aber ermöglicht sie eines: früher hinzuschauen, gezielter zu unterstützen und Entwicklung zu ermöglichen, bevor Krisen sich verfestigen.

Mehr über meine Angebote zur persönlichkeitsbasierten Prävention erfahren Sie auf meiner Website.

Meine Blogbeiträge

Mein Name ist Dr. Brigitte Seiler

Als Psychologin mit langjähriger praktischer Erfahrung und großer Expertise im Bereich Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung berate ich Menschen bei ihren aktuellen Fragestellungen. Mein Spektrum reicht dabei von der psychotherapienahen Beratung bei Anzeichen von Depression oder Burnout bis hin zu Fragestellungen zur privaten oder beruflichen Weiterentwicklung.

Dr. phil. Brigitte Seiler. Kompetent und weltanschaulich offen. Viele Jahre Erfahrung in psychotherapeutischen und beratenden Kontexten.

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Publikationen

Denner, Liselotte / Ulrich Wehner / Brigitte Seiler / Annette Scheible (2020): Personbezogene pädagogische Professionalisierung – erste Befunde aus dem ppProfess-Projekt. In: Beck, Melanie / Lara Billion / Marei Fetzer / Melanie Huth / Victoria Möller / Anna-Marietha Vogler (Hrsg.): Multiperspektivische Analysen von Lehr-Lernprozessen Mathematikdidaktische, multimodale, digitale und konzeptionelle Ansätze. Münster u.a.: Waxmann-Verlag, S. 185-204 (Peer-review-Verfahren).

Seiler, B. (2019). Wirkfaktoren in Kunsttherapie und Kunstpädagogik: ein Vergleich. In: Kunst & Therapie. Zeitschrift für bildnerische Therapien. Jahresband (M. Wendlandt-Baumeister, K.-H. Mentzen, & P. Rech, Hrsg.). Köln: Claus Richter Verlag, S. 106-119.

Seiler, B. (2018). Wirkfaktoren menschlicher Veränderungsprozesse. Das ModiV in allgemeiner und kunstbezogener Beratung, Psychotherapie und Pädagogik. Wiesbaden: Springer.

Auszeichnungen

Trägerin des Wissenschaftspreis der Dr. Bertold Moos-Stiftung 2018