Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen

Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention verständlich erklärt und ein Stufenmodell, das früher ansetzt

Veröffentlicht am 8. Oktober 2026
Fünf Stufen der Prävention psychischer Erkrankungen: allgemeine Prävention, Individualprävention, psychologische Beratung, Begleitung bei deutlicher Belastung und Psychotherapie, geordnet nach zunehmender Belastung

Sie lesen diesen Artikel, weil Sie selbst gerade stark belastet sind? → Direkt zu: Was Ihnen jetzt helfen kann

In der Medizin unterscheidet man drei Stufen der Prävention: primär, sekundär und tertiär. Für psychische Gesundheit ist dieses Raster zu grob. Zwischen einem Entspannungskurs und einem Therapieplatz liegt ein weites Feld, und genau dort entscheidet sich oft, ob eine Belastung vorübergeht oder sich festsetzt.

Psychische Erkrankungen entstehen selten plötzlich. Sie entwickeln sich schrittweise, und jede Stufe bietet eine eigene Gelegenheit, gegenzusteuern. Ich gliedere Prävention deshalb in fünf Stufen:

  1. Allgemeine Prävention: Wissen, Kurse und Seminare zur Stressprävention, Bewegung, Achtsamkeit
  2. Individualprävention: die eigene Persönlichkeit und das eigene Stressmuster kennen
  3. Psychologische Beratung: aktuelle Fragen klären, bevor sie zur Last werden
  4. Begleitung bei deutlicher Belastung: stabilisieren und entlasten
  5. Psychotherapie: Behandlung durch approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

Inhaltsverzeichnis

Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention: die klassischen Präventionsstufen

Im Gesundheitswesen werden üblicherweise drei Präventionsstufen unterschieden. Sie richten sich danach, wann eine Maßnahme ansetzt: bevor eine Erkrankung entsteht, wenn sie sich andeutet, oder wenn sie bereits besteht.

Primärprävention Sekundärprävention Tertiärprävention
Zeitpunkt vor der Erkrankung bei ersten Anzeichen bei bestehender Erkrankung
Ziel Gesundheit erhalten Verfestigung verhindern Stabilisieren, Rückfall vermeiden
Beispiele Stressbewältigungskurse, Achtsamkeit, Information psychologische Beratung, Früherkennung Nachsorge, Wiedereingliederung

Primärprävention: Wissen vermitteln und Ressourcen stärken

Sie zielt darauf ab, Erkrankungen vorzubeugen, bevor sie entstehen, etwa durch Informationen zu Stress, Schlaf, Bewegung oder Entspannung und durch Kurse zur Stressbewältigung. Diese Angebote erreichen viele Menschen, bleiben jedoch meist allgemein und wenig individuell.

Sekundärprävention: früh erkennen und begleiten

Hier geht es darum, erste Anzeichen einer Belastung früh zu erkennen und gezielt zu unterstützen, bevor sich eine Erkrankung verfestigt. Dazu gehören Gespräche, in denen Belastungen früh eingeordnet werden, bevor sie sich festsetzen. Je nach Qualifikation können dabei auch persönlichkeitsbezogene Aspekte berücksichtigt werden.

Tertiärprävention: Stabilisierung und Rückfallprophylaxe

Sie richtet sich an Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen. Ziel ist, die Gesundheit zu stabilisieren, Folgeschäden zu begrenzen und Rückfällen vorzubeugen, etwa nach einem Klinik- oder Therapieaufenthalt oder bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Psychische Gesundheit stärken: Für wen ist welches Angebot gedacht?

Prävention lässt sich auch danach ordnen, wen ein Angebot erreichen soll.

  • Universelle Prävention richtet sich an alle, unabhängig vom persönlichen Risiko, etwa ein Vortrag zu Stress für die ganze Belegschaft.
  • Selektive Prävention richtet sich an Gruppen mit erhöhtem Risiko, etwa pflegende Angehörige oder Menschen in einer Trennung.
  • Indizierte Prävention richtet sich an Einzelne, die bereits erste Symptome zeigen, aber (noch) keine Diagnose haben.

Psychische Belastung: Warum drei Präventionsstufen nicht reichen

Beide Einteilungen haben ihren Wert. Die erste fragt, wann eine Maßnahme ansetzt: bevor eine Erkrankung entsteht, bei ersten Anzeichen oder wenn sie bereits besteht. Die zweite fragt, für welche Gruppe ein Angebot gedacht ist. Offen bleibt bei beiden, welcher Mensch Unterstützung braucht und warum ihn eine Situation belastet.

Dieselbe Situation belastet Menschen unterschiedlich. Termindruck spornt die eine an und raubt dem anderen den Schlaf. Ob Stress krank macht, hängt davon ab, was eine Situation für den Einzelnen bedeutet: was er von sich verlangt, wie er Konflikte erlebt, wie er mit Unsicherheit umgeht. Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Allgemeine Kurse erreichen viele, berücksichtigen sie aber kaum.

Beruflicher und privater Stress wirken zusammen. Pflege eines Angehörigen, eine Trennung, Geldsorgen oder Einsamkeit kosten Kraft, die dann im Beruf fehlt. Die Leistung sinkt, der Druck steigt, und die Spirale dreht sich oft lange unbemerkt.

Zwischen Kurs und Therapie klafft eine Lücke. Wer deutlich belastet ist, wartet auf einen Psychotherapieplatz häufig mehrere Monate. Ein Entspannungskurs reicht dann nicht mehr, eine Behandlung ist noch nicht in Reichweite.

Das Fünf-Stufen-Modell schließt diese Lücke mit zwei zusätzlichen Stufen: der Individualprävention, die bei der Persönlichkeit ansetzt, und der psychologischen Beratung, bevor Symptome sich verfestigen.

Das Fünf-Stufen-Modell der Prävention psychischer Erkrankungen

Mit jeder Stufe steigen die Belastung, der Bedarf an persönlicher Abstimmung und die fachlichen Anforderungen an die Begleitung.

Stufe 1: Allgemeine Prävention

Stufe 2: Individualprävention

  • Für wen: alle, die wissen möchten, warum gerade sie auf bestimmte Situationen mit Stress reagieren.
  • Was hilft: ein fundiertes Persönlichkeitsverfahren wie mein permOt.8-Persönlichkeitsprofil, das emotionale und motivationale Muster umfassend sichtbar macht. Daraus lassen sich Strategien ableiten, die zum eigenen Alltag passen.
  • Grenze: Ein Profil zeigt Muster. Verändern lässt es sich mit Übung und manchmal mit Begleitung.
Online-Seminar
Persönlichkeitsbasiertes Stressmanagement (PBSM)

Sie lernen in fester Gruppe Ihr eigenes Stressmuster kennen und üben, ihm anders zu begegnen. Acht Einheiten à 90 Minuten, live online, ab November 2026. Die Zertifizierung nach § 20 SGB V ist beantragt.

Stufe 3: Psychologische Beratung

  • Für wen: Menschen mit einer konkreten Frage oder Belastung, die noch gut im Alltag zurechtkommen.
  • Typische Themen: Überlastung, Konflikte im Team oder in der Familie, Führungsfragen, berufliche Neuorientierung, eine Entscheidung, die sich nicht treffen lässt.
  • Ziel: klären, stärken, Handlungsspielraum zurückgewinnen. Mehr zur psychologischen Beratung oder, im Austausch mit anderen, zur Online-Gesprächsgruppe.

Stufe 4: Begleitung bei deutlicher Belastung

  • Für wen: Menschen, deren Belastung spürbar ist, etwa anhaltende Erschöpfung, Schlafprobleme oder Grübeln. Mehr dazu auf meiner Seite Hilfe bei Burnout.
  • Was hilft: engere, fachlich fundierte Gespräche, die entlasten und stabilisieren. Gemeinsam klären wir auch, ob eine ärztliche Abklärung oder eine Psychotherapie angezeigt ist, und wie Sie den Weg dorthin gehen.
  • Grenze: Diese Begleitung ersetzt weder Diagnostik noch Behandlung.

Stufe 5: Psychotherapie

  • Für wen: Menschen mit einer psychischen Erkrankung.
  • Wer: ausschließlich approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten oder Ärztinnen und Ärzte. Der erste Weg führt meist über die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Sprechstunde.

Selbstcheck: Welche Stufe passt gerade zu Ihnen?

Diese Fragen ersetzen keine Diagnose. Sie helfen Ihnen, Ihren nächsten Schritt einzuordnen.

Wenn Sie sagen …dann passt vermutlich …
„Mir geht es gut, ich möchte vorsorgen.“Stufe 1
ein Kurs oder Seminar zur Stressbewältigung
„Ich gerate immer wieder in dieselben Stressfallen und weiß nicht, warum.“Stufe 2
Ihr Persönlichkeits- und Stressprofil
„Ein bestimmtes Thema lässt mich nicht los, aber ich funktioniere.“Stufe 3
psychologische Beratung
„Seit Wochen schlafe ich schlecht, bin erschöpft, das Grübeln hört nicht auf.“Stufe 4
Begleitung und ärztliche Abklärung
„Ich komme im Alltag kaum noch zurecht.“Stufe 5
Hausarztpraxis oder psychotherapeutische Sprechstunde

Was Ihnen jetzt helfen kann

Wichtig: Haben Sie Gedanken, sich das Leben zu nehmen, wenden Sie sich bitte sofort an den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117), die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder im Notfall an die 112.

Ob Sie vorsorgen, Ihre Muster verstehen, sich mit anderen austauschen oder etwas Bestimmtes klären möchten: Hier finden Sie den passenden Einstieg.

Besser mit Stress umgehen

Gemeinsam mit anderen lernen Sie in acht Live-Online-Terminen Ihre persönlichen Stressmuster besser kennen und erarbeiten Strategien, die Sie im Alltag stärken können. Die Zertifizierung für den Krankenkassenzuschuss ist beantragt.
Die eigenen Muster besser verstehen
Das Persönlichkeitsprofil permOt gibt Ihnen Hinweise darauf, wie Sie unter Belastung typischerweise reagieren, über welche Ressourcen Sie verfügen und wie Sie Ihre Resilienz gezielt stärken können.
Austausch mit anderen
In der psychologischen Gesprächsgruppe online finden Sie einen geschützten Rahmen, in dem Sie sich verstanden fühlen und voneinander lernen.
Beratung
In der psychologischen Beratung schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation und klären, was Ihnen jetzt helfen kann. Den Anfang macht ein kostenfreies Kennenlerngespräch per Zoom.

Sie möchten sich erst einmal weiter informieren? Tragen Sie sich für meinen Newsletter ein.

Was Unternehmen daraus machen können

Viele Betriebe bieten im Rahmen ihres Gesundheitsmanagements bereits Angebote der Stufe 1 an. Die Stufen 2 bis 4 fehlen häufig, gerade in kleinen und mittleren Unternehmen. Sie lassen sich gut extern vergeben.

Eine Bedingung gilt für jede Stufe: Was Mitarbeitende in Profil oder Gespräch über sich erzählen, bleibt vertraulich und gelangt nicht an den Arbeitgeber. Ohne dieses Vertrauen nimmt niemand ein Angebot an.

Sie möchten für Ihr Team ein Angebot auf Stufe 2 oder 3 einrichten? 

Häufige Fragen zur Prävention psychischer Erkrankungen

Was ist Prävention psychischer Erkrankungen?

Prävention psychischer Erkrankungen umfasst alle Maßnahmen, die verhindern sollen, dass aus Belastung eine psychische Erkrankung wird, oder die eine bestehende Erkrankung stabilisieren. Sie reicht vom Wissen über Stress bis zur Rückfallvorbeugung nach einer Behandlung.

Primärprävention setzt an, bevor eine Erkrankung entsteht, Sekundärprävention bei ersten Anzeichen und Tertiärprävention bei einer bestehenden Erkrankung. Die Einteilung richtet sich also nach dem Zeitpunkt, zu dem eine Maßnahme ansetzt.

Stressprävention erweitert die Möglichkeiten, mit herausfordernden Situationen umzugehen, damit aus Belastung keine dauerhafte Überlastung wird. Dazu gehören Wissen über Stress, Entspannung und Achtsamkeit, vor allem aber das Erkennen der eigenen Stressmuster: Wer weiß, was ihn unter Druck setzt, kann früher und anders reagieren. Weil sie ansetzt, bevor Beschwerden entstehen, gehört Stressprävention zur Primärprävention.

Verhaltensprävention setzt beim Menschen an, etwa mit einem Kurs zur Stressbewältigung. Verhältnisprävention verändert die Umgebung, zum Beispiel Arbeitszeiten, Abläufe oder Führung. Am wirksamsten ist meist die Verbindung beider.

Arbeitgeber gestalten die Arbeitsbedingungen und können Unterstützungsangebote machen. Mitarbeitende können ihre eigenen Stressmuster kennenlernen und früh Hilfe suchen. Psychische Belastungen haben Arbeitgeber zudem in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen.

Für Kurse, die nach § 20 SGB V zertifiziert sind, erstatten die gesetzlichen Krankenkassen meist einen großen Teil der Gebühr, oft 80 bis 100 Prozent bis zu einem Höchstbetrag. Viele Kassen bezuschussen bis zu zwei Kurse im Jahr. Psychologische Beratung zahlen Sie in der Regel selbst.

Krankenkassen sprechen meist allgemein von Gesundheits- oder Präventionskursen. Die Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP), die solche Angebote zertifiziert, unterscheidet genauer: Ein Kurs ist ein Selbstlernangebot, bei dem Sie Zugang zu Inhalten erhalten und diese in Ihrem eigenen Tempo bearbeiten. Ein Seminar findet zu festen Terminen in einer Gruppe mit Kursleitung statt, vor Ort oder live online. Ich biete ausschließlich Seminare an, online oder in Präsenz, auf Anfrage auch in Einrichtungen und Unternehmen. Für einen Zuschuss Ihrer Krankenkasse kommt es vor allem darauf an, dass das Angebot zertifiziert ist.

Psychologische Beratung richtet sich an Menschen ohne psychische Erkrankung, die eine Frage oder Belastung klären möchten, und stärkt vorhandene Fähigkeiten. Psychotherapie behandelt eine diagnostizierte psychische Erkrankung und ist approbierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Über die Terminservicestelle unter 116 117 erhalten Sie einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde. Dort wird geklärt, welche Behandlung nötig ist. Bis eine Therapie beginnt, können Beratung oder Begleitung entlasten, ersetzen die Behandlung aber nicht.

Ja. Viele beginnen mit einem Seminar und merken dort, dass ein Thema mehr Raum braucht. Die Stufen sind kein Treppenhaus, das man von unten nach oben steigen muss. Sind Sie bereits in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung, sprechen Sie dort an, welche weiteren Angebote Sie nutzen oder nutzen möchten. So lässt sich gemeinsam klären, was Ihre Behandlung wirklich sinnvoll ergänzt.

Erhalten Sie regelmäßig News und Angebote

Damit Sie auf dem Laufenden bleiben.

Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihre Anmeldung war erfolgreich.

Publikationen

Denner, Liselotte / Ulrich Wehner / Brigitte Seiler / Annette Scheible (2020): Personbezogene pädagogische Professionalisierung – erste Befunde aus dem ppProfess-Projekt. In: Beck, Melanie / Lara Billion / Marei Fetzer / Melanie Huth / Victoria Möller / Anna-Marietha Vogler (Hrsg.): Multiperspektivische Analysen von Lehr-Lernprozessen Mathematikdidaktische, multimodale, digitale und konzeptionelle Ansätze. Münster u.a.: Waxmann-Verlag, S. 185-204 (Peer-review-Verfahren).

Seiler, B. (2019). Wirkfaktoren in Kunsttherapie und Kunstpädagogik: ein Vergleich. In: Kunst & Therapie. Zeitschrift für bildnerische Therapien. Jahresband (M. Wendlandt-Baumeister, K.-H. Mentzen, & P. Rech, Hrsg.). Köln: Claus Richter Verlag, S. 106-119.

Seiler, B. (2018). Wirkfaktoren menschlicher Veränderungsprozesse. Das ModiV in allgemeiner und kunstbezogener Beratung, Psychotherapie und Pädagogik. Wiesbaden: Springer.

Auszeichnungen

Trägerin des Wissenschaftspreis der Dr. Bertold Moos-Stiftung 2018